Lehrbuch der katholischen Dogmatik
Johann Baptist Heinrich (1816–1891)
First published 1900
A systematic textbook of Catholic dogmatic theology based on Johann Baptist Heinrich’s lectures (constituting an abridgement of the ten-volume »Dogmatische Theologie« by Heinrich and Gutberlet), posthumously edited and adapted by Philipp Huppert. It presents Catholic doctrine within the Neo-Scholastic tradition.
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Einleitung in die Dogmatik.
§ 1. Begriff und Natur der Dogmatik.
Vgl. Heinrich, Dogmatische Theologie I § 1–10.
1. Theologie ethymologisch.— Seiner Etymologie nach bedeutet das Wort Theologie die Lehre von Gott, dem Urheber und Endziel aller Dinge. Der Gegenstand der Theologie (obiectum materiale) ist daher primär Gott, die Geschöpfe nur insoweit, als sie zu Gott, ihrer absoluten Ursache und ihrem Endziele in Beziehung stehen.
Hieraus ergibt sich:
a. der Unterschied der Theologie von den übrigen Wissenschaften, deren eigentümlicher Gegenstand die Geschöpfe an und für sich und deren kreatürliche Ursachen und Ziele sind;
b. die Einheit der Theologie auch ihrem Gegenstande nach ungeachtet der Verschiedenheit ihrer sekundären Objekte. Sacra doctrina non determinat de Deo et de creaturis ex aequo; sed de Deo principaliter, et de creaturis secundum quod referuntur ad Deum ut ad principium vel finem. Unde unitas scientiae non impeditur. S. Th. Summa theol. 1 q. 1 a. 3 ad 1.
2. Doppelte Gotteserkenntniß.— Von Gott und seinem Verhältnis zu den Geschöpfen können wir auf Erden eine doppelte Erkenntnis haben, nämlich
a. aus der natürlichen Offenbarung (den Geschöpfen) durch das Licht der bloßen Vernunft;
b. aus der übernatürlichen Offenbarung durch das Licht des Glaubens.
Beide Erkenntnisarten können sowohl ungelehrt als gelehrt oder wissenschaftlich sein. Letztere ist von der ersteren nicht dem Wesen, sondern nur dem Grade der Vollkommenheit nach verschieden. Hier wie überall strebt nämlich die Wissenschaft danach, die Dinge in ihrem Wesen, in ihrem Zusammenhange und in ihren Ursachen mit möglichster Klarheit und Gewißheit zu erkennen und zugleich eine vollkommene Einsicht in die Richtigkeit und Gewißheit dieser ihrer Erkenntnis zu gewinnen, während das nicht wissenschaftliche Erkennen mit minder vollkommener Einsicht in die Wahrheit sich begnügt.
3. Natürliche Theologie.— Die Wissenschaft von Gott und göttlichen Dingen aus natürlichen Erkenntnisprincipien nennt man natürliche Theologie (theologia naturalis). Sie ist jene Wissenschaft, deren obiectum materiale Gott ist, insoweit er aus den Geschöpfen erkannt werden kann, deren subjektives Erkenntnisprincip die bloße Vernunft und deren Gewißheitsgrund (obiectum formale) mithin die Vernunfteinsicht ist. Die Theologia naturalis bildet die Krone und den Abschluß der Philosophie, die φιλοσοφία θεολογική, wie Aristoteles sie nennt.
Bei den griechischen Profanschriftstellern wird der Ausdruck Theologie auch zur Bezeichnung der Mythen gebraucht, und in diesem Sinne werden Homer, Hesiod u. s. w. θεόλογοι genannt.
Uebernatürliche Theologie.— Jene Wissenschaft dagegen, deren obiectum materiale Gott und die göttlichen Dinge sind, sowie und soweit dieselben aus der übernatürlichen Offenbarung Gottes erkennbar sind, deren subjektives Erkenntnisprincip der übernatürliche Glaube, deren Gewißheitsgrund (obiectum formale) die göttliche Autorität ist, nennt man übernatürliche Theologie (theologia supernaturalis) oder auch Theologie schlechthin. In dieser jetzt allgemein üblichen, aber auch schon beim hl. Augustinus vorkommenden Bedeutung bezeichnet das Wort Theologie zunächst nicht, daß Gott der Gegenstand, sondern daß das von Gott im Glauben uns mitgeteilte göttliche Wissen das Princip dieser Wissenschaft ist. Im Gegensatz zu der menschlichen Wissenschaft ist die von Gott uns gelehrte Weisheit die σοφία θεοδίδακτος, wie Clemens von Alexandrien und andere sie nennen; sie ist die göttliche, die himmlische Philosophie, wie sie nach dem Vorgange der heiligen Väter der römische Katechismus bezeichnet; sie ist die scientia sacra, die Gottesgelehrtheit, im Gegensatz zu scientia saecularis, profana oder der Weltweisheit, wie der durch das ganze Mittelalter bis in die neueren Zeiten übliche Sprachgebrauch sie nannte.
Bei den griechischen Vätern, namentlich des 4. Jahrhunderts, wird Theologie vielfach in einem engeren, ganz speciellen Sinne gebraucht und bezeichnet die Lehre von Gott dem Dreieinigen überhaupt oder von einer der göttlichen Personen, namentlich von der Gottheit des Sohnes, während die Lehre von den Werken Gottes οἰκονομία genannt wird.
Man pflegt auch die Erkenntnis der Seligen im Lichte der Glorie theologia beata zu nennen, um von der auf dem Wege des Studiums erworbenen Theologie (theologia acquisita) die theologia infusa zu unterscheiden.
4. Gelehrte u. ungelehrte Gotteserkenntnis.— Wie bereits angedeutet wurde (n. 2), unterscheidet sich die wissenschaftliche Erkenntnis des Theologen von der ungelehrten Erkenntnis der gewöhnlichen Gläubigen weder dem Gegenstand nach — es ist dieselbe geoffenbarte Wahrheit —, noch den Erkenntnisprincipien nach — es ist dieselbe übernatürliche Offenbarung und dasselbe Licht des Glaubens —, noch der Gewißheit nach — es ist die nämliche Glaubensgewißheit. Der Unterschied besteht nur in der Form oder der Art und Weise der Erkenntnis, indem der Theologe eine vollkommenere und tiefere, d. h. wissenschaftliche Einsicht (intelligentia) in den Inhalt, die Gründe und den Zusammenhang der geoffenbarten und geglaubten Wahrheiten zu erlangen strebt.
5. Warum wir die wissenschaftliche Gotteserkenntnis pflegen sollen.— Das Bestreben, die geglaubten Wahrheiten soweit wie möglich zu verstehen und wissenschaftlich zu begründen, wird
a. in der heiligen Schrift uns empfohlen: Crescite vero in gratia et in cognitione Domini nostri et Salvatoris Jesu Christi. 2 Petr. 3, 18;
b. von der Kirche, ihren Oberhirten und heiligen Lehrern stets gebilligt und gepflegt, das Gegenteil aber getadelt: Negligentiae mihi videtur, si postquam confirmati1 sumus in fide, non studemus quod credimus intelligere. St. Anselm., Cur Deus homo 1, 2.
c. Auch liegt in unserer vernünftigen Natur das Bedürfnis, die geoffenbarten Wahrheiten immer vollkommener zu verstehen. Unsere Vernunft wird durch den Glauben nicht unterdrückt, sondern vom Irrtume befreit und übernatürlich vervollkommnet, wie auch umgekehrt der Glaube die Vernünftigkeit unserer Seele und einen richtigen Gebrauch der Vernunft zur natürlichen Voraussetzung hat. Absit, ut ideo credamus, ne ratione accipiamus, cum etiam credere non possemus, nisi rationales animas haberemus. S. Aug., Ep. 120, 3.
d. Die tiefere Erkenntnis der Glaubenswahrheiten dient endlich dem praktischen Bedürfnisse, die Ungläubigen und Irrgläubigen zu widerlegen und für den Glauben zu gewinnen, die Gläubigen aber in ein immer vollkommeneres Verständnis des Glaubens und dadurch auch zu einer vollkommeneren Liebe derselben hinzuführen. Insofern ist die Theologie notwendig, nicht zwar für jeden einzelnen, aber für die Kirche als ein in Gottes Anordnung und der Natur des Menschen begründetes Mittel, um die Menschen zur Annahme und Befolgung des Glaubens zu bestimmen.
6. Aus dem Gesagten ergibt sich:
a. Theologie — Wissenschaft.— Die Theologie ist eine Wissenschaft, weil sie, von sicheren Principien ausgehend, aus denselben in systematischer Gliederung richtige und sichere Schlußfolgerungen zieht. Diese Principien sind zwar nicht evident wie in den natürlichen Wissenschaften, aber sie sind gewiß, da sie auf dem Wissen Gottes selbst beruhen. Sacra doctrina est scientia, quia procedit ex principiis notis lumine superioris scientiae, quae scilicet est scientia Dei et beatorum. S. Th. 1 q. 1 a. 2 c. Daher ist die Theologie aber keine natürliche, sondern eine übernatürliche Wissenschaft, da die Principien, von denen sie ausgeht, nicht dem natürlichen Wissen, sondern dem übernatürlichen Glauben entnommen sind.
b. Theologie höchste Wissenschaft.— Die Theologie ist die höchste unter allen Wissenschaften wegen ihrer Gewißheit und ihres Gegenstandes. Sacra scientia alias speculativas scientias excedit. Secundum certitudinem quidem, quia aliae scientiae certitudinem habent ex naturali lumine rationis humanae, quae potest errare; haec autem certitudinem habet ex lumine divinae scientiae, quae decipi non potest. Secundum dignitatem vero materiae, quia ista scientia est principaliter de his, quae sua altitudine rationem transcendunt. S. Th. 1 q. 1 a. 5 c. Daher ist die Theologie auch die Richtschnur und das Licht für alle anderen Wissenschaften, insbesondere für die Philosophie, die nur dadurch, daß sie die geoffenbarten Wahrheiten als Prüfstein ihrer Forschungen anerkennt, vor sonst unvermeidlichen Irrtümern bewahrt und zur Vollendung geführt werden kann, und deren höchste Ehre und oberster Zweck darin besteht, auf die Erkenntnis der übernatürlichen Religion vorzubereiten und dem wissenschaftlichen Verständnisse derselben zu dienen.
Theologie — Königin aller Wissenschaften.— Wie daher die alten Philosophen die Philosophie, in specie die natürliche Theologie, als die Königin aller Wissenschaften, die letzteren aber als deren Dienerinnen bezeichneten, so haben mit viel größerem Rechte die heiligen Väter und die Theologen, wie nicht minder die christlichen Philosophen die übernatürliche Theologie die Königin aller Wissenschaften und diese, besonders die Philosophie, Dienerinnen derselben genannt. Hiermit wollten sie aber keineswegs die Selbständigkeit dieser Wissenschaften irgendwie beeinträchtigen, noch denselben theologisches Gepräge geben.
c. Theologie — Weisheit.— Insofern die Theologie die erste Ursache und das letzte Ziel aller Dinge erkennt, alles nach diesem höchsten Princip beurteilt und zu diesem letzten Ziele ordnet, verdient sie in eminentem Sinne den Namen Weisheit. Sapientiam autem loquimur inter perfectos, sapientiam vero non huius saeculi, neque principum huius saeculi, qui destruuntur, sed loquimur Dei sapientiam in mysterio. 1 Cor. 2, 6. 7. Ille, qui considerat simpliciter altissimam causam totius universi, quae Deus est, maxime sapiens dicitur . . . Sacra autem doctrina propriissime determinat de Deo secundum quod est altissima causa . . . Unde sacra doctrina maxime dicitur sapientia. S. Th. 1 q. 1 a. 6 c.
7. Speculative und praktische Theologie.— Insofern die Theologie vor allem die Erkenntnis Gottes und der göttlichen Dinge vermittelt, ist sie eine theoretische oder spekulative Wissenschaft; insofern sie aber die menschlichen Handlungen auf Gott, unser Endziel, ordnen lehrt, ist sie eine praktische und moralische Wissenschaft. Das erstere jedoch überwiegt. Sacra doctrina comprehendit sub se utramque (scientiam speculativam et practicam), sicut et Deus eadem scientia se cognoscit et ea, quae facit. Magis tamen est speculativa quam practica, quia principalius agit de rebus divinis quam de actibus humanis. S. Th. 1 q. 1 a. 4 c.
Speculative und positive Theologie.— Da die theologischen Wahrheiten durch die göttliche Autorität uns gegeben oder gesetzt sind, ist die Theologie eine positive Wissenschaft. Da sie aber auch zugleich diese Wahrheiten soweit als möglich durch die vom Glauben erleuchtete Vernunft zu durchdringen und zu begreifen sucht, ist sie auch eine spekulative Wissenschaft. Insofern nun die Theologie die im depositum fidei enthaltenen Wahrheiten aus Schrift, Tradition und den kirchlichen Lehrentscheidungen feststellt und beweist, pflegt man sie positive Theologie zu nennen, spekulative hingegen, insofern sie die innere Wahrheit der Glaubenslehren so vollkommen als möglich einzusehen oder zu begreifen sich bestrebt. Die spekulative wird auch scholastische Theologie genannt, weil die großen mittelalterlichen Theologen, welche an den hohen Schulen die Theologie wissenschaftlich betrieben, dieselbe vorzugsweise spekulativ behandelten. Dem Protestantismus gegenüber nahm die positive Theologie wieder einen großen Aufschwung, wobei zugleich das scholastische gegen ein elegantes Latein und die strenge dialektischen Formen gegen eine freiere Darstellung umgetauscht wurden.
8. Fundamentaltheologie und Special-Dogmatik.— Wie jede andere Wissenschaft hat die Theologie vor Betrachtung ihres materiellen Gegenstandes mit ihren Erkenntnisprincipien und Erkenntnisquellen sich zu beschäftigen. Diesen Teil der Dogmatik nennt man am besten theologische Erkenntnislehre. Auch als allgemeinen Teil, als Fundamentaltheologie, als General-Dogmatik im Gegensatz zur Special-Dogmatik hat man ihn bezeichnet. Das Gebiet der Fundamentaltheologie ist nicht genau abgegrenzt: je nach dem praktischen und pädagogischen Bedürfnis hat man die Grenzen enger oder weiter gezogen. Da die Apologetik oder demonstratio christiana et catholica in der bei uns üblichen Lehrweise in einer eigenen Disciplin dargestellt zu werden pflegt und die Lehre von der Kirche als von einem der größten Mysterien des Christentums in die Special-Dogmatik gehört, so können wir die Grenzen der Fundamentaltheologie sehr enge ziehen. Wir behandeln daher in der Einleitung nur die dem Glauben vorausgehende natürliche Erkenntnis, den Glauben selbst aber nur, insofern er Princip der übernatürlichen Erkenntnis ist, und die Kirche, insofern das kirchliche Lehramt und die kirchliche Überlieferung Glaubensquelle ist.
Die specielle Dogmatik oder Dogmatik schlechthin wird die Traktate umfassen:
Von dem einen und dreieinigen Gott;
Von der Schöpfung;
Von der Menschwerdung und Erlösung;
Von der Kirche;
Von der Gnade;
Von den heiligen Sakramenten;
Von den letzten Dingen des Menschen.